Warum es wichtig ist zu lernen wie wir lernen
Heute möchte ich euch ein bisschen was über das Lernverhalten von uns Menschen und auch von unserem Tieren erzählen. Ich weiß es gibt schon ganz viele Artikel und Bücher darüber aber weil ich es einfach selbst unfassbar wichtig finde, möchte ich auch gerne etwas darüber schreiben. Meiner Meinung nach sollte sich jeder, vor allem jeder der Tiere hält damit beschäftigen, denn wir und auch unsere Tiere lernen ständig. Es ist ein lebenslanger Prozess, der sogar im Schlaf stattfindet. Wir reagieren die ganze Zeit auf unsere Umwelt und lernen dabei, welches Verhalten sinnvoll ist und Erfolg hat und welches nicht. Davon abhängig wird ein Verhalten öfter oder seltener gezeigt. Genau so ist es auch bei unseren Tieren
Jedes Verhalten, dass wir und auch unsere Tiere zeigen ist entweder ein Instinkt, ein Reflex oder es ist erlerntes Verhalten.
Das bedeutet, dass wir unserem Tier eigentlich ständig irgendwas beibringen, oft unbewusst und ohne es zu merken. Dabei bringen wir ihnen auch Sachen bei, die wir vielleicht gar nicht haben möchten, einfach weil wir nicht merken, dass wir ihnen gerade etwas beibringen. Je mehr wir nun über das Lernen wissen, desto bewusster können wir steuern was wir unseren Tieren beibringen.
Es ist unsere Aufgabe unserem Tier zu erklären, was wir von ihm möchten und zwar so, dass es uns versteht, denn wenn wir und unser Tier uns nicht verstehen, führt dies auf beiden Seiten zu Frust.
Doch auch für unseren eigenen Alltag kann es total hilfreich sein, zu verstehen wie wir lernen, denn auch wir lernen die ganze Zeit, da ist es doch gut zu wissen, wann wir gerade lernen und was wir unbewusst aufnehmen. Denn dann können wir entscheiden, ob das was gerade passiert etwas ist, das wir möchten und wenn dies nicht der Fall ist, können wir uns bewusst dagegen entscheiden.
Wie wir lernen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten wie gelernt werden kann. Ich möchte hier jetzt vor allem auf die operante und die klassische Konditionierung eingehen, da diese meiner Meinung nach in unserem Alltag und vor allem bei unseren Tieren die wichtigste Rolle spielen. Weitere Möglichkeiten sind noch die Prägung, das Lernen am Modell, die Habituation und das kognitive Lernen.
Klassische Konditionierung
Bei der klassischen Konditionierung wird ein Reiz, der erst einmal gar keine Bedeutung und durch den nichts passiert, zu einem sogenannten konditionierten Reiz. Der konditionierte Reiz löst dann eine Reaktion aus. Diese Verknüpfung erfolgt durch die klassische Konditionierung und zwar indem der Reiz, der ursprünglich mal neutral war mit einem biologisch relevanten Reiz, welcher eine Reaktion auslöst verknüpft wird. Das klingt jetzt vielleicht erstmal kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach.
Der Klassiker ist hier ein Experiment von Pawlow. Er hat es geschafft, dass der Speichelfluss eines Hundes angeregt wird, wenn er eine Klocke klingelt, ein Ton, der vor dem Experiment überhaupt keine Bedeutung für den Hund hatte. Doch wie hat er das geschafft? Ganz einfach in dem er immer mit der Glocke geläutet hat, wenn es Futter gab. Irgendwann hat der Hund dann den Ton mit dem Futter verknüpft und der Speichelfluss wurde nicht erst durch das Futter, sondern schon durch den Ton ausgelöst. Eben weil der Hund wusste, was jetzt kommt. Wichtig ist hier vor allem das Timing, denn der ursprünglich neutrale Reiz muss direkt nach dem, der vorher schon biologische Relevanz hatte, folgen.
Man kann übrigens auch Erwartungshaltungen konditionieren. Wenn dein Tier zum Beispiel gelernt hat, dass nach einem bestimmten Wort oder einer bestimmten Bewegung von dir immer was tolles passiert, stellen sich diese positiven Gefühle schon ein, bevor das Tolle passiert ist. Genau so funktioniert Clickertraining. Man nutzt hierzu ein bestimmtes Wort oder ein Geräusch, welches anfangs noch keine Bedeutung für das Tier hat und verknüpft dieses mit tollen Sachen. Irgendwann hat das Tier die positiven Gefühle dann schon nach dem Wort oder Geräusch, schon bevor das, was toll ist eigentlich passiert ist.
Operante Konditionierung
Bei der operanten Konditionierung, auch Lernen am Erfolg, genannt, bestimmen die Konsequenzen, welche auf eine (zufällige) Handlung folgen, darüber, wie wahrscheinlich das Verhalten nochmal gezeigt wird. Was heißt das jetzt wieder? Auch das ist einfacher als es klingt. Wir machen etwas und wenn danach was tolles passiert machen wir es wieder, wenn was unangenehmes passiert, machen wir es wahrscheinlich eher nicht mehr. Ist bei unseren Tieren genauso.
Es gibt hierbei vier verschiedene Konsequenzen, die dann eben darüber bestimmen, ob das Verhalten nochmal gezeigt wird.
Positive Verstärkung
Entweder wir fügen nach dem Verhalten etwas Tolles hinzu, das ist die typische Belohnung. Unser Hund setzt sich hin weil wir das gut finden, kriegt er einen Keks. Darüber freut er sich und die Wahrscheinlichkeit, dass er das nochmal probiert ist hoch. Wenn er den Keks mag.
Positive Verstärkung führt zu mehr Freude und Motivation, da keine „Gefahr“ droht und so ausprobiert werden kann. Es kann allerdings auch Frust aufkommen, wenn die Schritte zu groß sind, so dass keine Erfolge erlebt werden. Die Belohnung muss auch nicht immer das typische Leckerlie sein. Es kann auch ein gemeinsames Spiel oder ein nettes Wort sein. Wichtig ist, dass das was nach dem Verhalten erfolgt als gut empfunden wird und zwar von dem Lebewesen, dass gerade etwas lernen soll, nicht von dem das etwas beibringt. Wenn du deinem Tier etwas beibringen willst, musst du also erstmal herausfinden, was dein Tier wann gut findet. Streicheln beispielsweise muss nicht immer eine Belohnung sein, viele Tiere finden Streicheln sogar eher störend, wenn sie sich gerade konzentrieren. Du magst es doch auch nicht so, wenn du während einer Prüfung plötzlich liebevoll im Nacken gekrault wirst.
Negative Verstärkung
Wenn wir möchten, dass ein Verhalten gezeigt wird, können wir auch etwas Unangenehmes entfernen, das ist dann die sogenannte Negative Verstärkung. Es wird Erleichterung empfunden und das Verhalten nimmt zu. Das Problem ist hier aber dass wir halt erstmal was Negatives da sein muss, dass wir eben dann entfernen. Falls du jetzt denkst, wer macht denn sowas, möchte ich dich mal mit in die Pferdewelt nehmen. Da wird das von vielen leider immer noch gemacht.
Wenn das Pferd stehen bleiben soll, ist es leider oft noch gängige Praxis am Zügel zu ziehen. Wenn das Pferd dann steht wird nachgegeben. Das am Zügel ziehen ist natürlich unangenehm für das Pferd, vor allem wenn es ein Gebiss, welches meist eine Eisenstange ist, im Maul hat. Wenn es dann steht und wir aufhören zu ziehen ist es natürlich erleichtert und lernt Stehen zu bleiben, wenn am Zügel gezogen wird. Wenn das Pferd schneller laufen soll, wird das gleiche Prinzip verwendet, nur dass wir diesmal unsere Beine in den Bauch des Pferdes drücken und den Druck wegnehmen, wenn es eben schneller wird.
Aus lerntheoretischer Sicht macht das auch durchaus Sinn und tatsächlich kommunizieren Pferde untereinander auch oft so, zum Beispiel wenn ein ranghöheres Pferd möchte, dass ein anderes ihm den Weg frei macht. Das Problem ist aber, dass Tiere einfach ein besseres Timing haben als wir. Wenn das Tier macht, was wir wollen, müssen wir den negativen Reiz SOFORT wegnehmen, wir müssen uns also echt konzentrieren und schnell sein. Kriegen wir meistens nicht hin und dann wird es wirklich paradox für unser Tier.
Negative Strafe
Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten, wie wir die Auftretenswahrscheinlichkeit des Verhaltens ändern können. Wir können auch etwas, das als gut empfunden wird wegnehmen, das heißt dann negative Strafe. Wenn zum Beispiel ein Welpe beim Spielen versehentlich seine Zähne nutzt und wir dann aufhören zu spielen, lernt er dass das doof ist. Auch hier ist wieder die Voraussetzung, dass er unser Spiel gut findet und eigentlich gerne weiter spielen möchte. Ein Beispiel aus der Menschenwelt könnte sein, wenn Kindern verboten wird fernzusehen weil sie eine schlechte Note nach Hause gebracht haben. Auch Ignorieren im Allgemeinen ist eine Form der negativen Strafe.
Positive Strafe
Ja und dann gibt es noch die Positive Strafe, das klingt doch gar nicht so schlecht, immerhin ist das Wort „positiv“ da drin. Naja hier kann ich meine Meinung jetzt leider nicht hinterm Berg halten, doch ich finde es ist schlecht und sollte wirklich nur sehr bedacht eingesetzt werden, wenn überhaupt. Hier wird nach einem gezeigten Verhalten etwas Unangenehmes hinzugefügt, also es ist genau das was wir im Alltagsgebrauch typischerweise als Strafe verstehen. Dies kann zum Beispiel sein, dass wir an der Leine rucken, wenn der Hund zu stark zieht. Oder auch die Sprühflasche wenn der Hund bellt. Kinder können wir beispielsweise positiv bestrafen, in dem sie drei Wochen die Spülmaschine ausräumen müssen, weil sie keine Hausaufgaben gemacht haben.
Andere Beispiele, die in der Tierwelt üblich sind, möchte ich jetzt nicht auf die Menschenwelt übertragen. Ich glaube das wäre zu krass. Doch du kannst das mal für dich machen, überlege dir mal, wenn wir die Dinge, mit denen wir unsere Tiere strafen, mit unseren Mitmenschen oder Kindern machen würden. Ich finde da merkt man wie krass und absurd dieses Strafen ist und was es mit der Beziehung macht beziehungsweise machen würde. Dann kannst du dich selbst fragen, ob du das mit deinem Tier möchtest. Denn ja ich muss auch zugeben, lerntheoretisch führt die Positive Strafe zu einer Verhaltensänderung und das oft sogar ziemlich schnell. Ganz einfach weil die Emotion, die dabei entsteht Angst ist und die Vermeidung von Angst ist ein großer Motivator sein Verhalten zu ändern.
Natürlich kann es auch immer mal passieren, dass wir versehentlich strafen, denn auch wenn wir laut werden oder wenn wir den Hund an der Leine festhalten ist es eine Form der positiven Strafe. Tiere verzeihen uns ja auch total viel. Ich möchte einfach nur zum Nachdenken anregen, ob bewusst noch mehr mit positiver Strafe gearbeitet werden möchte.
Wenn du allerdings schon strafen möchtest, ist vor allem hier das Timing unglaublich wichtig. Wie gesagt, das was das Tier gerade tut, wird ja durch die Strafe negativ verknüpft und dadurch weniger gezeigt. Wenn dein Tier aber bis du strafst schon wieder ein anderes Verhalten zeigt oder woanders hinschaut, wird das negativ verknüpft. Um nochmal das Beispiel Leine ziehen zu nehmen, wenn du das durch Strafe korrigierst aber dein Hund schaut gerade ein Kind an, kann es sein, dass das Kind negativ verknüpft wird. Wenn du jetzt denkst, das ist ja voll absurd überlege dir mal, was ganz oft bei Hundebegnungen an der Leine passiert. Dein Hund sieht einen anderen Hund, geht nach vorne und spürt einen Leinenruck. Oft noch verbunden mit deiner Anspannung und vielleicht wirst du auch noch laut, das sind alles Formen von positiver Strafe. Also ja vielleicht zeigt dein Hund das Verhalten weniger, wenn du ihm dann auch noch bewusst weh tust, doch wie sieht er danach andere Hunde? Denn die Begegnung mit ihnen kann ganz schön schmerzhaft sein.
Noch ein Punkt denn wir beachten sollten ist, dass durch Strafe Stress entstehen kann und es ist rein biologisch nicht möglich neues zu lernen, wenn wir oder unsere Tiere gestresst sind. Das hier jetzt auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Aber vielleicht kennst du es aus deiner eigenen Schulzeit. Wann konntest du dir Sachen besser merken, wenn du einen tollen Lehrer hattest oder wenn du Angst hattest? Konntest du wissen in Prüfungen unter Stress oder daheim entspannt am Küchentisch besser wiedergeben?
Weitere Lernformen
Wie oben kurz angedeutet, gibt es noch weitere Möglichkeiten zu lernen. Was bei unseren Tieren auch gut klappen kann, ist die sogenannte Habituation. Hierbei findet eine Gewöhnung an einen immer wiederkehrenden Reiz statt, wodurch er nicht mehr als so intensiv wahrgenommen wird. Das kann zum Beispiel die Gewöhnung an den Sattel beim Pferd sein oder auch beim Tragen unserer eigenen Kleidung hat eine Habituation stattgefunden. Auch bei lauten Geräuschen ist dies möglich, so nehmen Menschen, die in der Stadt wohnen den Straßenlärm oft gar nicht mehr wahr. Unsere Tiere können wir so auch an verschiedene Reize gewöhnen, wobei natürlich drauf geachtet werden muss, dass diese nicht unangenehm für das Tier sind.
Kurz möchte ich auch noch auf das Lernen am Modell eingehen, hier wird das Verhalten einer Bezugsperson nachgeahmt. Kinder lernen so ganz viel. Deshalb ist es meiner Meinung nach auch total wichtig, dass wir uns selbst so verhalten, wie wir es von unseren Kindern erwarten, statt ihnen zu sagen, was sie machen sollen. Auch unsere Hunde können durch unser als Modell lernen. Wenn wir beispielsweise in einer Situation total entspannt sind und unser Hund eine enge Bindung zu uns hat, kann er dies lernen. Wir können unserem Hund auch Sachen vormachen. Beispielsweise irgendwo drauf oder drüber klettern. Wichtig sind auch hierbei wieder die Emotionen, die wir dabei haben, denn vor allem diese werden ja sehr intensiv von unseren Tieren wahrgenommen.
Mein Weg
Ich selbst achte vor allem erstmal darauf, eine Umgebung zu schaffen, in der Lernen überhaupt möglich ist. Mein großes Ziel ist es überwiegend mit positiver Verstärkung zu arbeiten, das gelingt mir aber nicht immer. Bei der rein positiven Verstärkung wird nichts genutzt was negative Gefühle auslösen kann, also auch kein Druck. Wenn ich also möchte, dass mein Tier ein bestimmtes Verhalten zeigt, warte ich bis das Tier das Verhalten zufällig zeigt oder zumindest einen kleinen Schritt in Richtung des gewünschten Verhaltens zeigt, das belohne ich dann. Deshalb ist es eine Grundvoraussetzung, dass jedes neue Verhalten in möglichst kleine Schritte zerlegt wird, die auch zufällig gezeigt werden. Ich selbst muss zugeben, dass mir das oft zu lange dauert (mein stärkster Glaubenssatz ist, mach schnell, aber ich arbeite daran). Vor allem bei meinem Pferd merke ich das immer wieder. Hier zeige ich dann oft den Weg durch negative Verstärkung, in dem ich Druck auslöse, so wie es bei Pferden üblich ist. Wenn es dann in die gewünschte Richtung geht, bestärke ich das Verhalten. Mein Ziel ist es immer mehr mit positiver Verstärkung zu arbeiten und es wird immer besser. Gerade die Arbeit mit Clicker geht mit Pferden total gut. Aber es ist ein Weg, vor allem weil auch ich in der Welt der negativen Verstärkung mit Pferden sozialisiert wurde. Bei meinen Hunden gelingt es mir besser, wobei ich auch hier mal den Raum eingrenze, sie an der Leine festhalte oder angespannt interagiere. Hier findest du mehr über meinen Trainingsweg.
Ich finde es einfach wichtig, dass wir das, was wir mit unseren Tieren tun bewusst tun und uns bewusst für einen Weg entscheiden mit den daraus resultierenden Konsequenzen. Richtig schwierig wird es für unser Tier nämlich, wenn wir unseren Ansatz dauernd ändern und das was gestern noch erlaubt war plötzlich bestraft wird und am nächsten Tag dann doch wieder ignoriert werden weil Strafe doch nicht so toll ist.
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