Ich möchte heute mal ein bisschen was über den Wolf berichten. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass unsere Haushunde vom Wolf abstammen bzw. mit ihm eng verwandt sind und ich immer wieder erlebe, dass das Verhalten unseres Hundes vom Verhalten des Wolfes abgeleitet wird. Und ja, deshalb finde ich es einfach ziemlich wichtig, dass man auch einfach ein bisschen über den Wolf Bescheid weiß. Vor allem, weil ich immer auch mal wieder feststelle, dass es hier das ein oder andere Missverständnis gibt, vor allem was das Thema Rangordnung und Bestrafung angeht.
Sozialleben des Wolfes
Erst einmal ein paar Worte allgemein zum Sozialleben des Wolfes.
In wirklich komplett freier Wildbahn leben Wölfe in Familienverbänden. Es sind keine zusammengewürfelten Gruppen, sondern es ist meistens ein Rüde und eine Wölfin mit ihren Welpen und eventuell auch noch die Junghunde aus dem Wurf vorher. Diese Junghunde passen oft auf die Welpen auf, zum Beispiel wenn die Eltern jagen gehen oder so.
Mit circa zwei Jahren setzt beim Wolf die Geschlechtsreife ein und die jungen Wölfe verlassen meist die Herkunftsfamilie um eine eigene Familie zu gründen Außer wenn zu wenig Nahrung da ist, dann kann es sein, dass die jungen Wölfe früher gehen müssen. Dann geht nur der Vater jagen und die Mutter passt auf die Welpen auf. Gibt es allerdings genug Nahrung, kann es sogar sein, dass die jungen Wölfe noch etwas länger bleiben.
Hierarchie im Wolfsrudel
Jetzt noch ein bisschen was zur Hierarchie.
Bei Wölfen haben die Eltern als gleichberechtigte Partner das Sagen. Die Welpen haben zu Beginn eine gewisse Narrenfreiheit. Diese wird nach einigen Wochen Schritt für Schritt eingeschränkt, bis sie erkannt haben, dass es im Familienverband gewisse Regeln gibt.
Eine Rangordnung ist eigentlich nur bei gleichgeschlechtlichen jugendlichen Wölfen erkennbar, allerdings auch eher spielerisch, weil sie nicht dauerhaft zusammenleben. Selbst eine Futterrangordnung ist in dem Sinne nicht wirklich klar ausgeprägt, da es sich eben um eine Familie handelt. Außer es kommt zu einer Futterknappheit, dann kann es zu einer entsprechenden Rangordnung kommen bei welcher sich meistens die älteren oder stärkeren Tiere durchsetzen.
In der Paarungszeit kann das Eintreffen eines fremden Rüden zur Gefahr für den Vater werden, wenn der fremde Rüde versucht ihm die Partnerin auszuspannen, dann kann es zu Kämpfen, sogar bis zum Tod kommen. Aber selbst bei diesen Konkurrenzgeschichten behält meistens der souveränere, mental stärkere, ältere Wolf die Oberhand, schon alleine dadurch, weil er durch seine Anwesenheit eine gewisse Autorität ausstrahlt.
In den meisten Wolfsrudeln gibt es nur die Eltern-Kind-Hierarchie.
Revierverhalten des Wolfes
Wölfe leben in einem festen Revier. In diesem Revier gibt es Nahrung für eine bestimmte Kopfzahl. Wenn die Nahrung knapp wird, wird entweder versucht, das Revier zu erweitern oder eben die Kopfzahl anzupassen.
Das Revier ist für die Wölfe wie eine Vorratskammer. Daher wird es gegen Eindringlinge verteidigt, notfalls auch mit Gewalt. Familieninterne Tiere kennen den Geruch und wissen wann und wo sie daheim sind.
Wenn ein Wolf in ein fremdes Revier kommt, wird er versuchen, es unbeschadet zu verlassen. Zum Beispiel indem er beim Antreffen der Reviereigentümer häufig mit Maullecken, Ohren anlegen, Rundrücken oder eben anderen Beschwichtigungssignalen reagiert.
Ein ausgeprägtes Territorialverhalten ist eine Grundeigenschaft des Wolfes. Dieses haben wir Menschen uns bei der Domestikation auch zu Nutze gemacht, wodurch sich die Eigenschaft verstärkt hat.
„Bestrafung“ bei Wölfen
So nun noch ein paar Worte zu dem Thema Bestrafung, da ich als Hauptargument für Bestrafung in der Ausbildung von Tieren immer wieder höre, dass Tiere untereinander auch so interagieren. Aber ist das wirklich so?
Tatsächlich zeigen Wölfe keine erzieherische ‚Bestrafung‘ im menschlichen Sinn, sondern höchstens situationsabhängige, innerartliche Korrekturen. Wölfe untereinander korrigieren sich beziehungsweise auch ihre Welpen sehr selten. Noch nicht einmal wenn innerhalb eines Rudels eine Ressource streitig gemacht wird, wird Bestrafung verwendet, denn es handelt sich eben um eine Familie. Auch die Bewegungsfreiheit eines Wolfes innerhalb des Rudels wird nicht eingeschränkt. Es wird ihm nicht verboten, irgendwohin zu gehen oder bestimmte Orte zu betreten. Jeder darf sich frei bewegen, außer sehr junge Tiere aus Sicherheitsgründen.
Wenn dann wird nur sehr kurz und vor allem zum richtigen Zeitpunkt korrigiert, beispielsweise kann ein Jungtier, das zu aufdringlich ist durchaus mal in seine Schranken gewiesen werden.
Gehegewölfe
Allerdings gibt es bei dieser ganzen Rangordnungsgeschichte durchaus Ausnahmen. Wenn Wölfe in einem Gehege zusammenleben, kann es zu einer Rangordnung kommen.
Denn der große Unterschied ist, dass die Tiere nur einen begrenzten Platz zur Verfügung haben und keines der Jungtiere daher wirklich abwandern kann. Demnach kommt es durchaus auch auf ein Aufeinandertreffen und sogar Zusammenleben mit Wölfen, die nicht zur Familie gehören, kommen. Hier können sich Verbände entwickeln und in diesen kann es dann tatsächlich eine Rangordnung geben.
Aber das ist nicht natürlich. Das liegt einfach daran, dass sie begrenzten Platz haben. Diese Hierarchien gibt es nur bei dieser unnatürlichen Haltung im Gehege.
Unsere Haushunde
Wie ist das ganze nun bei unseren Hunden. Erst einmal ist zu sagen unsere Hunde sind keine Wölfe mehr, allerdings sind sie noch eher mit freilebenden als mit Gehegewölfen zu vergleichen…zumindest sollte es so sein. Denn Gehegewölfe haben nur einen sehr begrenzten Raum zur Verfügung und kaum Möglichkeit, sich mit Außenreizen zu beschäftigen.
Doch genau diese Möglichkeit sollten wir unseren Hunden bieten: Hunde brauchen Aufgaben und Reize. Sie möchten gerne die „Nachrichten“ der anderen Hunde lesen und mögen es, wenn die Nahrungsaufnahme mit Beschäftigung verbunden ist. Auch ein gewisser Jagdersatz sollte geboten werden, denn sonst können sie wirklich naja um es nett auszudrücken…anstrengend werden. Aber das hat nichts mit dem in Fragestellen einer Rangordnung zu tun oder damit dass sie die Weltherrschaft an sich reißen möchten. Nein das liegt einfach daran, dass sie ihren Bedürfnissen und den Aufgaben für die sie gemacht wurden nicht nachkommen können. Oder ganz einfach daran, dass wir ihnen, meistens sogar versehentlich, Verhalten, das wir nicht haben möchten, beigebracht haben.
Hunde haben keine streng lineare Rangordnung, sie möchten in einem Familienverband leben und als Individuum mit all ihren hundespezifischen Bedürfnissen gesehen werden.
Auch das Thema Bestrafung sollte mit Blick auf das Nutzen von Strafen der Wölfe ganz genau hinterfragt werden, denn wie gesagt, diese nutzen es nur, wenn ein Welpe zu aufdringlich wird oder um für die Sicherheit zu sorgen. Nicht um Ressourcen zu verteidigen oder die Bewegungsfreiheit einzuschränken.
Natürlich müssen im Zusammenleben mit unseren Hunden in unserer Gesellschaft Grenzen gesetzt werden, sonst wird es gefährlich. Aber Hunde sind keine Tiere, die von Natur aus begrenzt werden und denen man keine Freiheiten zugestehen darf weil sie sonst gefährlich werden und die Chefrolle anstreben. Das heißt die Frage ist nicht, ob Grenzen gesetzt werden, sondern wie.
Warum glauben trotzdem noch so viele an Rangordnung?
So, warum passiert es denn jetzt trotzdem, dass wir Menschen oder viele von uns immer noch an diese Rangordnung glauben und uns auch dementsprechend unserem Hund gegenüber verhalten und er beispielsweise nicht auf die Couch oder zuerst durch die Tür gehen darf weil er uns sonst unseren Rang streitig macht? (Wenn er auch Sicherheitsgründen nicht als erstes durch die Tür gehen darf, ist das etwas anderes!)
Meiner Meinung nach hat das mehrere Gründe.
Zum einen glaube ich, dass diese ganze Rangordnungstheorie auch mit Beobachtungen von Gehegewölfen zu tun haben könnte, denn da kann es tatsächlich Ränge geben, doch das ist meiner Meinung nach noch nicht alles.
Wir sehen die Welt wie wir sind
Wir Menschen haben nämlich grundsätzlich die Tendenz, von uns auf andere zu schließen und wie sieht es denn bei uns beziehungsweise unseren Vorfahren mit der Rangordnung aus?
Und um das zu erklären, macht es Sinn, einen kurzen Abstecher zur Rangordnung und zum Sozialverhalten von Primaten zu machen, denn genau wie Wölfe etwas mit der Abstammung unserer Hunde zu tun haben, haben Affen etwas mit unserer Abstammung zu tun.
Rangordnung und Hierarchie bei Primaten
Bei Primaten gibt es bei vielen Arten tatsächlich soziale Hierarchien. Auch diese beruhen nicht auf reiner körperlicher Durchsetzungsfähigkeit, also es ist nicht so, dass die stärkeren Individuen, die sich in Kämpfen durchsetzen automatisch einen höheren Rang einnehmen. Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren bei denen auch Beziehungen, Erfahrungen und soziale Intelligenz eine Rolle spielen.
Aber es ist gibt sie eben und die Tiere die höher in der Hierarchie stehen haben einen besseren Zugang zu wichtigen Ressourcen, wie zum Beispiel Futter. Sie dürfen sich auch eher fortpflanzen. Außerdem müssen die Mitglieder dieser sozialen Gemeinschaften nicht miteinander verwandt sein, im Gegenteil es gibt viel Zu – und Abwanderung, was wichtig für die genetische Vielfalt ist.
Demnach macht aus Affensicht ein hoher sozialer Rang schon irgendwie Sinn und da wir eben eher mit diesem, als mit dem Wolf, der im Familienverband lebt, verwandt sind, haben wir das auch in uns. Wie wir Menschen unseren Rang durchsetzen, möchte ich hier jetzt nicht weiter aufführen, auf jeden Fall können wir hier meiner Meinung nach von jedem Tier noch viel lernen. ..man schaue sich nur mal an wer wie an „die Spitze“ kommt…
Deshalb glaube ich, dass wir Menschen diese Rangordnungsgeschichte eben auch auf alle, die mit uns zusammenleben übertragen. Einfach weil wir Menschen immer erst mal von uns auf andere schließen und die gesamte Welt durch unsere eigene Brille wahrnehmen. Deshalb können wir auch so viel von Tieren über unsere Wahrnehmung lernen.
Warum wir Verhalten oft durch uns selbst erklären
Aber ich glaube, es gibt noch einen zweiten wichtigen Punkt: Wir Menschen schließen nicht nur von uns auf andere, sondern glauben auch, dass alles was um uns herum passiert etwas mit uns zu tun hat. Glaubst du nicht? Dann hier ein Beispiel: Was denken viele von uns, wenn eine Kollegin, mit der wir uns eigentlich gut verstehen uns plötzlich nicht grüßt. Ganz ehrlich, was ist der erste Impuls? Ich bin sicher jeder von uns hat sich in so Momenten schonmal die Frage gestellt, was wir falsch gemacht haben.
Das ist jetzt wirklich nur ein ganz einfaches Beispiel und ich bin sicher die meisten von uns erkennen in diesen Situationen, dass es auch einfach sein kann, dass die Kollegin einen schlechten Tag hat.
Aber wie sieht es denn aus, wenn dein Hund dir dein Brötchen klaut oder einfach in dein Bett springt. Oder sogar knurrt, wenn du dich seinem Futternapf näherst? Hat das etwas mit dir zu tun? Nimmt er dich vielleicht nicht ernst? Schließlich ist es dein Bett und du entscheidest, wer darin liegt, denn du bist schließlich der Chef. Außerdem dürfen Hunde kein Futter verteidigen. Der Hund muss sich jederzeit von uns sein Futter wegnehmen lassen, denn wir sind schließlich sind wir der Chef.. merkst du was?
Vielleicht gibt es auch ganz andere Gründe warum dein Hund ins Bett will, nicht weil er die Weltherrschaft an sich reißen möchte, sondern weil es ganz einfach gemütlich ist? Vielleicht klaut er dein Essen weil es einfach verdammt lecker aussieht? Und ja, ich werde auch böse, wenn mir jemand einfach meinen Teller vor der Nase weg nimmt wenn ich gerade essen möchte. Also warum dürfen das unsere Hunde nicht? Eben weil wir der Chef sind….
Versteh mich nicht falsch, ich verstehe das Problem durchaus, dass es mal n otwendig sein kann, dem Hund sein Futter wegzunehmen, beispielsweise wenn er etwas giftiges frisst. Es geht auch nicht, dass der Hund auf jede Couch und jedes Bett springt. Aber wir haben die Wahl wie wir ihm die Sachen erklären. Es gibt auch andere Möglichkeiten, doch darauf möchte ich hier jetzt gar nicht eingehen, dafür gibt in inzwischen wirklich tolle Hundeschulen.
Mir geht es darum zu sensibilisieren und zu hinterfragen wie wir mit unseren Hunden umgehen und was wir als Problemverhalten werten. Vielleicht haben wir unserem Hund sogar beigebracht seine Ressourcen zu verteidigen, ohne es zu merken.
Wenn wir anfangen, genauer hinzuschauen
Und genau hier kommen wir an einen sehr spannenden Punkt, denn das was unser Hund uns zeigt oder das was uns im Zusammenleben mit unserem Hund deutlich wird hat viel mehr mit uns als mit unserem Hund zu tun.
Wir Menschen sind eng mit Primaten verwandt und wir haben eine andere soziale Grundstruktur und Hierarchieentwicklung als Wölfe. Viele unserer Interpretationen von Verhalten sind deshalb geprägt durch das, was in uns genetisch und evolutionär angelegt ist: Konkurrenz, Statusdenken, Durchsetzungsfähigkeit und soziale Einordnung.
Und genau diese „Brille“ tragen wir oft unbewusst nicht nur in die Beziehung zu unserem Hund hinein, sondern auch in ganz viele zwischenmenschliche Situationen.
Das heißt: Wir erleben Verhalten, interpretieren es, beziehen es oft auf uns selbst und reagieren dann entsprechend darauf – und genau dieses Muster findet nicht nur im Zusammenleben mit dem Hund statt, sondern genauso im Alltag mit anderen Menschen. Wie eben in dem Beispiel mit der Kollegin, die uns nicht grüßt. Wir sind so schnell dabei Verhalten zu interpretieren und zu überlegen, was es mit uns zu tun hat. Doch genau das beziehungsweise unsere Reaktion darauf beeinflusst dann wieder unser Gegenüber und somit unsere Beziehung – oft ohne, dass uns dieser Mechanismus bewusst ist.
Und genau hier kann das Zusammenleben mit unserem Hund uns so viel verdeutlichen.
Denn vieles, was wir als Rangordnung, Dominanz oder Absicht im Verhalten des Hundes deuten, entsteht in vielen Fällen weniger aus dem Hund heraus, sondern mehr aus unserer eigenen biologischen, evolutionären Prägung und unseren Erfahrungen heraus.
Das bedeutet: Situationen mit dem Hund können uns oft sehr deutlich unsere eigenen Denkmuster, Interpretationen und blinden Flecken zeigen – nicht nur im Umgang mit dem Hund, sondern auch im Alltag, in Beziehungen und im generellen Umgang mit anderen Menschen.
Es lohnt sich also immer, wenn uns am Verhalten unseres Hundes etwas stört bei uns hinzuschauen und zu prüfen, ob es wirklich ein Problem gibt oder ob das Problem nur etwas mit uns zu tun hat. Damit möchte ich natürlich nicht abstreiten, dass der Hund durchaus Verhalten entwickeln kann, dass schwierig ist. Doch wie bereits häufiger erwähnt, haben wir auch damit meistens etwas zu tun und wenn wir es nur geschafft haben es ihm beizubringen oder es zu verstärken, ohne es selbst zu merken. Hier nochmal der kurze Hinweis, dass uns 90% der Dinge, die wir tun und erleben nicht bewusst sind.
Das Ziel soll es sein uns und auch unseren Hund besser zu verstehen, denn nur so kann die Beziehung fair sein und wir können eine Beziehung zu unserem Hund führen, in dem beide authentisch sein dürfen. Denn viele der beschrieben Dinge machen wir einfach weil wir sie gelernt haben. Es kann so wohltuend sein herauszufinden, was einem selbst wirklich wichtig ist und danach zu handeln. Nicht weil man es so macht, sondern weil man es will. Das wünsche ich mir für dich und für deinen Hund.
Und genau deshalb habe ich mein Coaching Angebot Tierimpuls entwickelt. Hier schauen wir uns gemeinsam genau die Dinge an, die hinter dem Verhalten stecken, hinter deinem Verhalten um dann wiederum zu erkennen, wie sich das auf deinen Hund auswirkt. Melde dich gerne.
Quelle: Thomas Riepe (2009): Da muss er durch. Animal Learn Verlag.