So ihr lieben, der Titel klingt vielleicht etwas provokant, so ist es aber tatsächlich gar nicht gemeint. Wie ich in meinem Monatsrückblick Dezember ja bereits geschrieben habe, beschäftigt mich dieses Thema aktuell wieder sehr.
Relevanz des Themas
Vielleicht erzähle ich euch erst einmal warum es mich so beschäftigt. Wie viele von euch ja bereits wissen, habe ich viele Jahre in der Eingliederungshilfe für Menschen mit einer psychischen Erkrankung gearbeitet. Für alle, die gar nicht wissen was das ist: Die Eingliederungshilfe ist ein ambulantes Unterstützungsangebot mit dem Ziel der Sozialen Teilhabe. Das bedeutet, die Sozialarbeiter:innen besuchen die Menschen in ihrem Lebensumfeld und unterstützen sie bei den Sachen, bei denen sie aufgrund ihrer Einschränkungen behindert werden. Das kann so was sein, wie die Begleitung zu Ärzten weil es alleine aufgrund den Folgen einer schweren Depression nicht möglich ist oder das Öffnen von Briefen weil die sowieso schon bestehenden Ängste durch die Post massiv verstärkt werden und daher Unterstützung benötigt wird. Die Hilfe ist ganz individuell und wobei geholfen wird entscheidet die Person die Hilfe braucht. Das ist ganz wichtig. Ich beispielsweise habe die Menschen mit meinen tiergestützten Angeboten unterstützt. Hier kannst du nochmal nachlesen, was es damit genau auf sich hat.
Außerdem habt ihr vielleicht schon gemerkt, dass ich Tiere ziemlich gerne mag und wie wir ja alle wissen, fällt uns das, worauf sich unser Fokus richtet besonders auf und deshalb ist mir aufgefallen, dass viele der Menschen, die im Rahmen der Eingliederungshilfe betreut werden, auch Tiere haben. Irgendwie auch klar, schließlich leben aktuell in mehr als einem Drittel aller deutschen Haushalte Tiere und gerade in Industrieländern steigt die Zahl immer weiter. Warum sollte dies dann nicht auch auf Menschen zutreffen, die in der Eingliederungshilfe sind, insbesondere wenn der Grund eine psychische Erkrankung ist. Denn dies ist etwas, was jeden von uns zu jeder Zeit treffen kann. Doch wisst ihr, was mich wirklich gewundert hat? Dass ich als Sozialarbeiterin, die wirklich sehr sehr tieraffin ist nie etwas darüber gelernt hat, wie wir als pädagogische Fachkräfte mit den Tieren der Menschen umgehen sollen. Müssen wir sie unterstützen? Gehen die Tiere uns überhaupt etwas an? Glaubt mir, wenn es etwas darüber geben würde, hätte ich es mitbekommen. Die tiergestützte Pädagogik selbst, findet inzwischen immer mehr Anklang und es gibt immer mehr wissenschaftliche Studien und auch Vorlesungen darüber, hierbei setzen die Pädagogen allerdings ihre Tiere ein und es geht nicht um die Tiere der Klient:innen. Das fand ich damals so spannnend, dass ich mich entschieden habe meine Masterarbeit über dieses Thema zu schreiben. Jetzt arbeite ich als rechtliche Betreuerin und auch hier sind mein Schwerpunkt Menschen mit einer psychischen Erkrankung und große Überraschung, auch viele meiner Betreuten haben Tiere. Deshalb glaube ich, dass dieses Thema eine wirklich große Relevanz hat und möchte daher mein Wissen und meine Erkenntnisse mit euch teilen. Beginnen möchte ich heute damit, welche Vorteile es hat, wenn Menschen mit einer psychischen Erkrankung Haustiere halten, denn ja Tiere sind doch toll doch leider nicht nur, denn es kann auch wirklich Herausforderungen geben und auch diese möchte ich euch nicht verschweigen.
Gründe warum Menschen mit einer pychischen Erkrankung Haustiere halten sollten
Tiere verringern das Gefühl der Einsamkeit
Für viele sind Tiere vollwertige Familienmitglieder, sie geben uns ein Gefühl von Geborgenheit und spenden uns Nähe. Psychische Erkrankungen gehen leider sehr oft mit einer Isolation einher. Soziale Kontakte wirken anstrengend, vor allem wenn die sozialen Anforderungen nicht mehr erfüllt werden können. Wenn die depressive Erkrankung es schon schwierig macht sich die Zähne zu putzen, ist stundenlanger Austausch kaum möglich. Das führt oft dazu, dass sich die Menschen zurückziehen und dadurch verringern sich ihre sozialen Kontakt. Auch Ängste, Zwänge oder andere Dinge können hier natürlich eine Rolle spielen. Ich glaube das liegt auch daran, dass viele unsere Kontakte mit Anforderungen einhergehen. Selten dürfen wir einfach so sein wie wir sind. In diesen Zeiten könne Tiere unglaublich hilfreich sein. Sie reagieren auf uns, unsere Sorgen und Ängste und vor allem nehmen sie uns so an wie wir sind. Sie bewerten uns nicht, sie sind einfach für uns da und das kann so heilsam sein. Glaubt mir, hier spreche ich aus eigener Erfahrung ich selbst habe ja einen Sprachfehler und bin hierfür damals stark gemobbt worden. Wie heilsam war es da für mich einfach mit Tieren zusammen zu sein und genau so angenommen zu werden wie ich bin. Ganz vielleicht kam auch daher die Idee, auch anderen Menschen mit Tieren zu helfen. Einfach weil ich weiß, wie heilsam das sein kann.
Tiere wirken sich positiv auf die eigene Gesundheit aus
Verschiedene Studien belegen, dass Tiere einen positiven Aspekt auf unser Herz unseren Kreislauf und auch unseren Blutdruck haben und sie wirken Stressreduzierend. Wie ich ja hier geschrieben habe, ist es so wichtig, in der heutigen Zeit unseren Stress zu reduzieren. Meiner Meinung nach ist das die Voraussetzung für jede Art der Veränderung. Der Grund hierfür ist unter anderem, dass durch das Streicheln von Tieren ein Bindungshormon (Oxytocin) ausgeschüttet wird, dies passiert vor allem wenn der eigene Hund gestreichelt wird. Außerdem snkt sich die Atemfrequenz und der Herzschlag wird reguliert. Der Körperkontakt mit unserem Tier kann durch die Vertrautheit unglaublich entspannend sein. Doch nicht nur das, Tiere aktivieren uns auch, sie bringen uns dazu uns zu bewegen und das ist in der heutigen Zeit so wichtig. Oft merken wir dabei gar nicht, dass wir uns bewegen. Dies kann gerade bei einer psychischen Erkrankung sehr hilfreich sein, weil der Gedanke ein Bewegung oft schon so anstrengend ist, dass es nicht umgesetzt werden kann. Tiere schaffen es, dass es einfach passiert, beispielsweise wenn wir mit ihnen spielen. Gerade bei Hunden müssen wir sogar das Haus verlassen. Ich habe schon so oft gehört, dass dies sogar bei wirklich starken psychischen Erkrankungen, wenn sonst kaum noch etwas möglich ist, geschafft wird. Für die Tiere. Ich weiß nicht, wie sie es schaffen aber sie schaffen es und das ist das wichtigste. Vielleicht müssen wir auch nicht immer alles verstehen. Sie können uns sogar von unseren Schmerzen ablenken.
Das Zusammensein mit Tieren macht Spaß
Ja das mag auf den ersten Blick banal klingen aber ist das nicht eigentlich das wichtigste im Leben? Was ist denn dein größtes Ziel? Wie schön wäre das Leben, wenn wir nur Dinge tun würden, die uns Spáß machen und sollten wir uns daher nicht genau davon mehr ins Leben holen? Es macht Spaß mit ihnen zu spielen und die Welt zu erkunden, sie kennenzulernen, Zusammen zu sein und vielleicht auch ihnen etwas beizubringen. Leider verhindern psychische Erkrankungen genau dies in so vielen Bereichen, vielleicht kann das Tier ihn ein Stück zurück bringen
Tiere geben Sinn und Struktur
Leider führen psychische Erkrankungen oft dazu, dass alles was Routine oder Sinn gegeben hat, weg fällt. Auch Routinen fehlen plötzlich, dies kann kein Tier ändern. Sie müssen zu bestimmten Zeiten gefüttert werden oder spazieren gehen. Sie geben das Gefühl gebraucht zu werden und etwas Nützliches zu leisten. Für jemand anderes, das kann heilsam sein.
Tiere haben eine suizidprävantive Wirkung
Nein das ist nicht wissenschaftlich bewiesen, das ist meine ganz persönliche feste Überzeugung. Ich habe schon so oft gehört, dass das Tier der einzige Sinn im Leben ist und ja auch, dass nur für das Tier weitergelebt wird. Was ich nicht sage ist, dass dies so sein sollte. Denn das kann ein Tier nicht leisten, aber erst einmal ist es so und damit können Tiere wirklich lebenserhaltend sein und einen Einstieg bieten um weitere Dinge zu finden, die einen Sinn geben, Dinge, die dazu führen wieder „ja“ zum Leben zu sagen. Bis dahin können Tiere Halt geben. Irgendwie macht das auch total Sinn, wenn man bedenkt, dass einer der Hauptgründe für einen Suizid Einsamkeit ist
Das ist sicher alles nicht abschließend und du darfst sehr gerne in die Kommentare schreiben, welche positiven Wirkungen dir noch einfallen. Ich glaube ich wollte das einfach mal aufschreiben, vielleicht liest es ja jemand für den nicht so richtig verständlich ist warum Tierbesitzer oft so viel für ihr Tier machen und es so wichtig für sie ist. Vielleicht kann dies einen kleinen Einblick geben. Gerade für pädagogische Fachkräfte finde ich das unglaublich wichtig, denn was ich immer wieder gehört habe ist, dass es den Menschen vor allem wichtig ist, dass ihnen Verständnis entgegen gebracht wird. Ganz außen vor gelassen habe ich jetzt alle Assistenzhunde, diese leisten auch absolut großartige Arbeit und bieten noch einmal ganz andere Möglichkeiten. In diesem Artikel soll es allerdings wirklich nur um die ganz normales Alltagsbegleiter gehen, die in Wahrheit Helden sind.
So bevor ihr jetzt los lauft und allen, die an psychischen Erkrankungen leiden empfiehlt ein Haustier zu holen, lest bitte unbedingt weiter, denn leider gibt es auch eine Kehrseite und die ist wirklich nicht zu vergessen.
Gründe die gegen die Haustierhaltung sprechen
Tiere können eine Finanzielle Belastung sein
Leider geht eine psychische Erkrankung oft mit geringeren finanziellen Mitteln einher und Tiere kosten Geld. Das ist eben etwas was nicht gut zusammen passt. Ja wir haben ein soziales Unterstützungssystem, aber sind wir ehrlich, die Grundsicherungsleistungen reichen in der heutigen Zeit wirklich gerade so für das eigene Leben, wenn dann noch ein zweites Lebewesen (oder vielleicht sogar noch mehr) mitversorgt werden müssen, wird es echt eng. Vor allem wenn es einem sowieso nicht gut geht, kann das wirklich belastend sein, insbesondere wenn es um Tierarztkosten geht. Es ist eine unfassbar schlimme Situation, wenn das geliebte Tier krank ist und notwendige Tierarztbesuche nicht bezahlt werden können. Tatsächlich gibt es hier einige Unterstzüngsmöglichkeiten, aber nichts, was die Belastung total rausnehmen würde.
Tiere können Krankenhausaufenthalte verhindern
Ich glaube, dass ist tatsächlich das Problem, dass mir in meiner Arbeit am häufigsten begegnet ist. Die psychische Erkrankung verschlimmert sich und alle Beteiligten sind sich einig, dass es sinnvoll wäre, sich mal stationär behandeln zu lassen. Aber was wird währenddessen mit dem Tier gemacht? Wer kümmert sich? Wie oben beschrieben fehlen leider häufig andere soziale Kontakt und es gibt auch keine finanziellen Mittel um das Tier beispielsweise in eine Tierpension zu bringen. Meistens haben sich die Menschen dann tatsächlich gegen einen Krankenhausaufenthalt entschieden, für ihr Tier aber leider gegen die eigene Gesundheit. Tatsächlich haben wir diesbezüglich mal versucht bei einem Projekt Spendengelder zu erhalten um mit Tierpensionen zu kooperieren, leider ohne Erfolg.
Tiere können die soziale Teilhabe einschränken
Leider kann ein Haustier auch dazu führen, dass andere soziale Aktivitäten nicht gemacht werden können, obwohl diese vielleicht gut wären. Entweder weil das Tier auch für kurze Zeit nicht alleine gelassen werden kann oder weil die finanziellen Mittel fehlen, das das Tier, wie oben beschrieben, eben ein Kostenfaktor bei dem sowieso schon geringem Budget ist. Da ist der Kinobesuch mit Freunden eben nicht mehr möglich.
Tiere können zu einer Überforderung führen
So schön der Umgang mit einem Tier sein kann, leider kann er auch sehr herausfordernd sein, insbesondere wenn Verhaltensweisen seitens des Tieres gezeigt werden, die nicht erwünscht sind. Sei es, dass die Katze die Wände zerkratzt oder der Hund andere Menschen anbellt. Ja sicher kann man da etwas gegen machen, doch das kostet Kraft, Kraft die bei psychischen Erkrankungen oft fehlt. Dann können diese Dinge wirklich belastend sein und weiter einschränken. So kann man dann vielleicht nirgends mehr hin weil der Hund nicht alleine bleiben kann, aber es fehlt auch die Kraft es ihm beizubringen. Oder Spaziergänge sind nicht mehr entspannend sondern einfach nur noch stressig weil jeder andere Hund und jeder andere Mensch angebellt wird. Leider können sich durch Stress die psychischen Erkrankungen sogar noch verschlimmern, wodurch sich die oben beschriebene positive Wirkung auf die Gesundheit sogar wieder relativieren kann. Hinzu kommt, dass eventuell auch das Wissen fehlt, wie das Verhalten des Tieres geändert wird, was total normal ist, dafür gibt es Hundetrainer. Leider müssen diese aber bezahlt werden, wo wir wieder bei den finanziellen Mitteln sind.
Belastung für das Tier
Auch das schreibe ich wirklich nicht gerne, aber es ist mir dennoch sehr wichtig, eine psychische Erkrankung des Besitzers kann eine Belastung für das Tier sein. Tiere nehmen einfach so genau wahr wie es uns geht und reagieren auf uns. Das ist ja der Ansatzpunkt der gesamten Tiergestützten Arbeit, dass die Tiere uns das zeigen, was wirklich in uns passiert und wie es uns geht, selbst wenn es uns vielleicht gar nicht bewusst ist. Wenn es uns nun sehr schlecht geht, kann dies natürlich auch für unsere Tiere belastend sein. Psychische Erkrankungen können auch damit einhergehen, dass vielleicht gereizter reagiert wird oder es nicht mehr möglich ist dem die Tier die verlässliche klare Bezugsperson zu bieten die es braucht und ja auch das ist belastend für ein Tier. Tiere brauchen Vorhersehbarkeit, sie müssen wissen, wie wir in bestimmten Situationen reagieren und was wir von ihnen wollen. Hier ist es vor allem wichtig, sich das ganze bewusst zu machen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu handeln. Zu hinterfragen, ob das Verhalten, dass das Tier gerade zeigt, vielleicht gerade etwas mit einem selbst zu tun hat, statt zu bestrafen. (Das sollte natürlich jeder machen) und vielleicht auch akzeptieren, wenn bestimmte Sachen gerade nicht gehen und anpassen. Denn unsere Tiere sind so anpassungsfähig. Wenn es uns dadurch besser geht, wird es auch den Tieren besser gehen. Außerdem kann es sein, dass es vielleicht doch nicht geschafft wird mit dem Hund spazieren zu gehen oder das Katzenkloo zu reinigen.
Glaubt mir, ich bin die letzte, die irgendjemanden ausreden möchte sich ein Tier anzuschaffen oder gar es abzugeben. Denn wie bereits oben geschrieben, können psychische Erkrankungen jederzeit auftreten. Außerdem ist euch vielleicht aufgefallen, dass das alles sind, die generell auf jeden von uns zutreffen können, ganz unabhängig davon, ob wir an einer psychischen Erkrankung leiden oder nicht, deshalb habe ich die Gründe, die dagegen sprechen auch in der Überschrift allgemeiner gehalten. Insbesondere der letzte Punkt muss nichts mit einer psychischen Erkrankung zu tun haben. Auch gesunde Menschen können für ihr Tier eine Belastung darstellen, aus genau den gleichen Gründen. Das ist ja einer der Gründe, warum ich mein Coachingangbeot Tierimpuls entwickelt habe. Mir war mit dem Artikel vor allem wichtig zu sensibiliseren, ja vor allem warum Tiere so wichtig für uns sind, gerade wenn es uns nicht gut geht. Dennoch war es mir wichtig auch die „Schattenseiten“ aufzuzeigen, selbst wenn diese gar nichts mit der psychischen Erkrankung zu tun haben müssen.
In den nächsten Tagen werde ich auf mir bekannte Unterstützungsmöglichkeiten eingehen, denn mir geht es nicht darum, zu verhindern, dass sich jemand ein Haustier holt, sondern ihn oder sie bestmöglich zu unterstützen. Falls ihr generell Fragen oder Ideen zu dem Thema habt, meldet euch gerne bei mir.